Fußball-Weltmeisterschaften sind längst mehr als nur Sportevents. Sie schaffen Gemeinschaftsgefühl, emotionale Momente und enorme Aufmerksamkeit – sowohl im Stadion als auch auf Social Media. Doch warum fiebern selbst Menschen mit, die sonst kaum Fußball schauen? Welche psychologischen Mechanismen stecken hinter dem plötzlichen „Wir-Gefühl“ während einer WM? Und warum beeinflussen Sportevents oft sogar unser Konsumverhalten?
Im Interview spricht Prof. Dr. Nicole Behringer, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der ISM Stuttgart sowie Studiengangsleiterin des Fernstudiengangs M.Sc. Medien- und Kommunikationspsychologie, darüber, warum selbst Nicht-Fans während einer Fußball-WM plötzlich mitfiebern, welche psychologischen Effekte hinter dem starken Gemeinschaftsgefühl stecken und weshalb große Sportevents so starke Emotionen auslösen. Außerdem erklärt sie, wie Social Media unser Sporterlebnis verändert und warum Emotionen rund um die WM auch unser Konsumverhalten beeinflussen.
Prof. Dr. Nicole Behringer: Menschen schauen bei einer Fußball-WM nicht einfach nur Fußball. Sie erleben vier Dinge: Gemeinschaft, Emotionen, Spannung und ein seltenes und besonderes Ereignis. Genau das sorgt dafür, dass selbst Gelegenheitszuschauer mitfiebern.
Bei einer WM passiert etwas, das wir „soziale Identität“ nennen: Menschen fühlen sich plötzlich als Teil einer großen Gruppe, zum Beispiel „wir Deutschen“. Dieses Wir-Gefühl gibt Sicherheit und verbindet. Dazu kommt die Kraft gemeinsamer Emotionen. Wenn Freunde, Familie oder Kolleginnen mitfiebern, überträgt sich diese Begeisterung oft ganz automatisch. Beim Public Viewing springen Menschen auf, schreien, jubeln und lachen gemeinsam. Selbst wenn man die Regeln kaum kennt, spürt man die Energie. Idealerweise ist ein Fußballspiel auch spannend, wir wissen nicht, wer gewinnt. Spannung und Unsicherheit erzeugen starke Gefühle; unvorhersehbare Wendungen aktivieren Dopamin und Adrenalin, wir fühlen uns gut und lebendig. Unser Gehirn liebt Drama.
Und schließlich: Eine WM ist selten und besonders. Sie ist ein Ereignis. Und Dinge, die nur alle vier Jahre passieren, wirken wichtiger. Man will dabei sein, um mitreden zu können und nichts zu verpassen.
Prof. Dr. Nicole Behringer: Ein wichtiger Effekt ist die sogenannte soziale Identität: Menschen definieren sich nicht nur über ihre eigenen persönlichen Eigenschaften, sondern auch über Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlen. Ein Nationalteam bietet dafür eine einfache Projektionsfläche. Die Fans identifizieren sich mit dem Team, es wird Teil des eigenen Selbstbilds. Aus „die Mannschaft“ wird dann ein „Wir“.
Eng damit verbunden ist der psychologische Effekt Basking in Reflected Glory – das „Sonnen im Glanz anderer“. Menschen erleben Erfolge einer Gruppe, mit der sie sich identifizieren, teilweise wie eigene Erfolge. Gewinnt das eigene Team, kann das das persönliche Selbstwertgefühl stärken. Deshalb sagen wir auch oft nach einem Sieg ganz selbstverständlich: „Wir haben gewonnen.“
Und zuletzt: Die WM ist voller Symbole und Rituale, die die Identifikation nochmal verstärken. Man denke an Trikots, Fahnen, Hymnen oder die eignen Rituale rund um die Spiele – Glückssocken, Dekoration, manche machen Grillpartys. Das macht Zugehörigkeit sichtbar und emotional erlebbar. Solche Handlungen schaffen Bindung, weil wir Identität nicht nur denken, sondern auch aktiv ausdrücken.
Prof. Dr. Nicole Behringer: Sport ist psychologisch ein ideales Emotionsformat. Der entscheidende Unterschied zu Filmen oder Serien: Der Ausgang ist offen. Genau diese echte Ungewissheit erzeugt Spannung, Anspannung und Euphorie.
Hinzu kommt die Kraft von Narrativen. Sport liefert in Echtzeit alles, was gute Geschichten ausmacht und damit starke Emotionen auslöst: Außenseiter, Rivalitäten, Hoffnungen, Rückschläge, überraschende Wendungen und Heldenmomente. Solche klaren Geschichten ziehen uns besonders stark in ihren Bann.
Weil all das live passiert, fühlen sich die Emotionen unmittelbarer und intensiver an. Ein spätes Tor oder ein verschossener Elfmeter ist nicht nur ein Spielmoment, sondern ein echter Wendepunkt, den Millionen Menschen gleichzeitig erleben. Genau dieses gemeinsame Live-Erlebnis macht große Sportevents emotional so mitreißend.
Prof. Dr. Nicole Behringer: Große Emotionen bei einer WM oder die Vorfreude davor beeinflussen unser Konsumverhalten stark. Wer kennt nicht jemanden, der sich zu so einem Event nochmal einen größeren Fernseher gekauft hat? Wenn wir euphorisch oder aufgeregt sind, entscheiden wir oft spontaner und weniger rational. Ein Trikot oder Schal wird dann nicht einfach als Produkt wahrgenommen, sondern als Symbol für Zugehörigkeit, Euphorie oder die Erinnerung an einen besonderen Moment.
Hinzu kommt der Einfluss der Gruppe. Wenn überall Menschen Fanartikel tragen oder Marken im WM-Umfeld präsent sind, wirkt dieses Verhalten schnell normal und attraktiv. Die Psychologie nennt das Social Proof: Was viele tun, wird schon richtig sein und erhöht die Bereitschaft, mitzumachen
Beim Sponsoring wirkt ein weiterer psychologischer Mechanismus: emotionale Übertragung. Große Sportevents sind emotional stark aufgeladen mit Euphorie, Spannung oder Stolz. Marken, die in diesem Umfeld präsent sind, profitieren davon, weil sich diese positiven Gefühle unbewusst auf sie übertragen können. Eine Marke wirkt dadurch sympathischer, vertrauter oder attraktiver, selbst dann, wenn das eigentliche Produkt gar nichts mit Fußball zu tun hat. Genau deshalb ist Sponsoring bei großen Sportevents für Unternehmen so wertvoll.
Prof. Dr. Nicole Behringer: Social Media hat Sport vom reinen Zuschauen zum aktiven Mitmachen verändert. Früher war man Publikum, heute kommentiert, teilt und reagiert man in Echtzeit. Wenn Millionen Menschen gleichzeitig jubeln, diskutieren oder sich empören, wirken Ereignisse automatisch größer und emotional intensiver. Das verstärkt das Gefühl, live Teil des Geschehens zu sein.
Hinzu kommt die Dynamik viraler Trends. Einzelne Momente – ein spektakuläres Tor, ein Fehlpass oder eine besondere Geste – werden in Form von Memes, Clips oder Reels massenhaft geteilt. Dadurch wird nicht nur das Spiel selbst erlebt, sondern auch die digitale Geschichte, die darum entsteht. Man ist aktiv dabei. Sport wird so zum gemeinsamen Gesprächsthema weit über klassische Fans hinaus.
Gleichzeitig erzeugen soziale Medien einen gewissen Echtzeit-Druck. Wer nicht live dabei ist, hat schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Man nennt dieses Gefühl auch FOMO (Fear of Missing out). Plattformen verstärken zudem, was besonders oft geliked und geteilt wird. So bleiben bestimmte Szenen länger präsent und prägen, wie wir ein Sportevent wahrnehmen und woran wir uns erinnern.
Das Interview mit Prof. Dr. Nicole Behringer zeigt, wie eng Sport, Emotionen, Medien und Konsum heute miteinander verbunden sind. Gerade große Events wie eine Fußball-WM machen sichtbar, welchen Einfluss Gemeinschaftsgefühl, digitale Kommunikation und emotionale Markenbindung auf unser Verhalten haben – weit über den Sport hinaus.
Das Interview führte Laura Wortkötter.
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